Leseprobe zu "Magie voller Tücken"

Kapitel 1

Koruks Blut floss. Warm und klebrig rann es durch seine Finger und er taumelte weiter durch den nächtlichen Wald.

 Zwischen den Bäumen leuchteten ferne Lichter. Sie waren sein Ziel – Lichter bedeuteten Menschen; Menschen bedeuteten Hilfe. So hoffte er zumindest. Er trieb die Beine vorwärts, klammerte sich an die Zuversicht, dass sie ihn lange genug trugen. Jeder Schritt kostete mehr Kraft, bis Koruk kaum den Willen aufbrachte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Plötzlich gaben seine Beine nach und er stürzte in Dunkelheit.

 Ein seltsamer Laut drang an sein Ohr – ähnlich dem Knarren einer Tür. Ob jemand kam? Jemand, der ihn vor dem Tod bewahrte? Angestrengt spähte er in die Finsternis. Er war allein und dieses Geräusch vermutlich eingebildet. Selbst die fernen Lichter waren verschwunden. Hier lebt niemand mehr, dachte er resigniert. Du weißt es. Du hast es dir bloß gewünscht. Er konnte seine Suche beenden und das Unausweichliche kommen lassen. Er musste nichts weiter tun – nur warten.

 Weich wie ein Bett war der bemooste Waldboden, die Blätter säuselten und der Duft nasser Erde umfing ihn. Es gibt wahrlich schlimmere Arten, zu sterben. Ein klägliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

 „Er wacht auf“, erklang die Stimme einer Frau.

 Der erdige Geruch war verweht, das leise Lied der Blätter verstummt.

 „Es wäre besser gewesen, wenn er es nicht geschafft hätte“, brummte ein Mann.

Nur ein Traum ... Koruk wollte sich auf die Seite drehen, doch ein beißender Schmerz fuhr durch seinen Bauch. Mit trägen Fingern ertastete er derben Stoff.

„Nicht berühren“, sagte die Frau.

Kein Traum ... Ich war in diesem Wald ... Koruk zwang seine Augen, sich zu öffnen. Die Luft hatte etwas Stechendes, sodass seine Lider mehrfach zusammenzuckten, bis sie ihm gehorchten. Über ihm verlor sich die Zimmerdecke im Dunkel. Als er mühsam den Kopf drehte, sah er in das Gesicht einer jungen Frau. Schatten tanzten auf ihrem Antlitz und dem blonden Haar, ließen sie unwirklich erscheinen. Für einen Moment dachte Koruk, dass sein Verstand ihm Trugbilder vorgaukelte; dann entdeckte er den flackernden Kienspan.

Sie lächelte – so reizend, dass es Koruk unangenehm war, derart hilflos vor ihr zu liegen. „Ich heiße Neyla.“ Sie wies auf den alten Mann neben sich. „Das ist mein Vater Debin.“

In Gedanken wiederholte Koruk die Namen der beiden, da er fürchtete, sie zu vergessen.

Dieser Debin musterte ihn argwöhnisch. „Du wirst dein Lager unter keinen Umständen verlassen. Hast du verstanden?“ Seine Stimme klang wie ein Schnauben.

Obwohl die Forderung des Alten unsinnig war, nickte Koruk. Es war ihm ohnehin nicht möglich, zu diskutieren – geschweige denn, gegen das Verbot zu verstoßen.

Der Alte runzelte die Stirn, wandte sich ab und humpelte durch die Tür.

„Er meint es nicht böse“, sagte Neyla nach einer Weile. „Er sorgt sich um mich, das ist alles.“

Warum?, wollte Koruk fragen. Glaubte dieser Debin etwa, er wolle ihr schaden, nachdem sie ihm geholfen hatte? Er brachte nur ein unverständliches Krächzen aus der trockenen Kehle.

Neyla kniete an seiner Seite nieder, griff ihm unter den Kopf und setzte einen Krug an seine Lippen.

Dankbar trank Koruk. Er ignorierte das pulsierende Brennen in seinem Bauch, das jeden Schluck begleitete. Die Flüssigkeit schmeckte sonderbar, aber das war ihm egal. Sie spülte das Leben in seinen Körper.

„Langsam!“, mahnte Neyla.

Auch das kümmerte Koruk nicht, ausgedörrt, wie er war. Plötzlich glaubte er, zu ersticken. Er presste die Lippen aufeinander, versuchte herunterzuwürgen, was seinen Mund füllte, doch er konnte das Husten nicht verhindern. Scharfe Klauen zerrissen seinen Bauch und trieben ihm Tränen in die Augen. Er drückte sich in die Decken – wartete, bis der Schmerz erträglich wurde.

Der Krug tauchte wieder vor ihm auf.

„Nein“, wisperte Koruk. Erneut wollte er sich nicht verschlucken.

„Du hast viel Blut verloren.“ Neyla fühlte seine Stirn. „Und Fieber hast du auch. Du musst trinken.“ Behutsam setzte sie den Krug an seinen Mund. „Sei nicht so gierig, dann wird es klappen.“

Die Flüssigkeit benetzte Koruks Lippen. Widerwillig folgte er Neylas Aufforderung – vorsichtiger dieses Mal. Als er fertig war, wirkte sie zufrieden. Koruks Blick ging an ihr vorbei zu dem Vorhang, der das einzige Fenster verhüllte. Er hätte gern hinausgesehen; die Enge der Kammer erdrückte ihn.

Erinnerungen kehrten zurück an die Lichter zwischen den Bäumen. Er hatte sie für ein Hirngespinst gehalten. Eine Hoffnung auf Rettung, die seine Verzweiflung ihm vorgetäuscht hatte, denn laut Karte gab es seit dem Krieg in dieser Gegend keine Siedlungen mehr. „Wo bin ich?“

Sie zögerte. „In Sicherheit.“

„Der Name von ...“ Das Sprechen fiel ihm schwer. „... von diesem Ort?“

Neyla presste die Lippen aufeinander. „Ich sehe später noch einmal nach dir.“ Abrupt erhob sie sich und ging davon.

„Warte!“, krächzte Koruk.

Sie hatte die Tür erreicht, verharrte jedoch.

„Kannst du das ... Fenster öffnen?“

„Nein“, seufzte sie. „Niemand darf erfahren, dass du hier bist. Ich kann nicht das Risiko eingehen, dass dich jemand sieht. Ruh dich aus und komm zu Kräften. Wir reden, wenn es dir besser geht.“ Hastig verließ sie das Zimmer – als würde sie vor seinen Fragen fliehen.

Ratlos starrte Koruk in die Flamme, die beinahe erloschen war. Wieso hatte sie ihm nicht den Namen dieses Ortes genannt? Und was konnte es schon für ein Risiko bedeuten, wenn ihn jemand sah?

Eine Maus tippelte aus den Schatten, neigte den Kopf und betrachtete Koruk. Eines ihrer Ohren war zerrissen, aber diese Wunde war lange verheilt.

„Wo bin ich bloß gelandet?“, wisperte er in Richtung des Tieres. So weit ist es nun schon! Statt das Ungeziefer zu erschlagen, plaudere ich mit ihm!

Das Licht verglomm und Finsternis kroch in die Kammer. Die einzige Erklärung, die Koruk für Neylas sonderbares Verhalten einfiel, ließ ihn hoffen, dass er falsch lag. Dass er sich nicht erneut inmitten von Größenwahnsinnigen befand, die unbedacht genug waren, diesen Irrsinn zu entfesseln.


* * *


Der Klang von Schritten auf der Treppe riss Koruk aus einem Sumpf von Dunkelheit und Schmerzen. Neyla, die das Essen bringt. Den Alten hatte Koruk seit seinem Erwachen nicht gesehen, aber nach der kühlen Begrüßung hegte er nicht den Wunsch, dass sich das änderte. Andererseits erschien ihm auch Neylas Freundlichkeit oberflächlich – das war zwar bedauerlich, doch im Grunde egal, denn sobald Koruk gesund war, verschwand er ohnehin. Hoffentlich hatte sie ihm bis dahin wenigstens gesagt, warum seine Anwesenheit gefährlich war. Inzwischen musste schon über eine Woche, vielleicht sogar zwei, vergangen sein – wie Koruk aufgrund der dünnen Lichtstrahlen annahm, die er regelmäßig seitlich des Vorhangs erkannte. Und bislang wusste er nicht mehr als zum Tag seines Erwachens.

Die Tür öffnete sich, ungewohnte Helligkeit strömte in die Kammer und blendete Koruk. Dennoch weigerte er sich, die Augen zu schließen. Zu sehr zerrte die allgegenwärtige Dunkelheit an ihm, da wollte er die kurzen Momente, in denen ein Kienspan brannte, auskosten.

Neyla stellte einen vollen Teller und das Licht vor Koruk ab. „Wie geht es deiner Verletzung?“ Die gleiche Frage wie bei jedem Besuch und die einzige Art von Frage, die sie ihm stellte – die nach seinem Gesundheitszustand. Nicht einmal seinen Namen hatte sie in all der Zeit, die er in dieser Kammer vegetierte, wissen wollen, und solange sie sich nicht danach erkundigte, drängte er ihn ihr nicht auf.

„Es geht mir gut“, gab Koruk seine übliche Antwort – auch wenn es gelogen war. Sein Bauch schmerzte bei jeder Bewegung, und seit das Fieber nachgelassen hatte, war ihm permanent kalt. Er warf einen Blick auf den Teller und verzog das Gesicht. Wieder gab es nichts als klein geschnittene Rohkost. Inzwischen würde er einiges für eine warme Suppe geben. Stattdessen musste er sich mit rohen Äpfeln, Birnen und Rüben begnügen. Er deutete auf etwas, das am Rand des Tellers lag. „Ist das eine rohe Kartoffel?“

„Lass sie liegen, wenn du sie nicht magst. Ich kann dir einen weiteren Apfel bringen.“

„Ich mag Kartoffeln – allerdings gekocht“, gab Koruk zurück, ehe er sich zügeln konnte. Neyla hatte ihm das Leben gerettet. Er wollte ihr weder undankbar erscheinen, noch sie vor den Kopf stoßen.

„Roh schmecken sie auch.“ Wenn er sie beleidigt hatte, ließ sie sich das nicht anmerken. „Und falls du dich wegen des Giftes sorgst: Eine einzelne Kartoffel wird dich nicht umbringen.“

Wie beruhigend. Koruk widerstand dem Drang, die ungewöhnlichen Essensgewohnheiten zu hinterfragen. Ihm lag Dringenderes auf der Zunge. „Da ist noch etwas anderes: Du sagtest, dass wir reden, wenn es mir besser geht.“

Sie schluckte sichtlich. „Du bist noch nicht gesund.“

„Ich bin durchaus in der Lage, eine Unterhaltung zu führen.“ Er sah sie herausfordernd an, doch die versprochene Erklärung blieb sie ihm schuldig. „Du wirst mir niemals sagen, wo wir uns befinden oder was hier los ist, habe ich recht?“

Sie deutete auf den Teller. „Du solltest essen, ehe alles antrocknet. Brauchst du neues Wasser?“

Das gibt es nicht. Sie sagt dir nicht einmal, dass sie dir nichts sagt. „Ich brauche kein Wasser, sondern Antworten. Ich will wissen, was ihr da draußen entfesselt habt, Neyla. Ich will wissen, was für einen Preis ihr bezahlt.“

Ihr Blick ging zum Vorhang – kurz nur, doch es reichte, um Koruks Misstrauen zu schüren.

Was befindet sich dahinter, das ich nicht sehen darf?

Sie schwieg und Koruk rechnete damit, dass sie wortlos ging, als sie schließlich etwas entgegnete: „Wie kommst du darauf, dass hier Magie gewirkt wurde?“ Die Worte kamen betont langsam über ihre Lippen. Ein Versuch, gelassen zu wirken?

„Weil du all meinen Fragen ausweichst.“

„Das bedeutet nicht, dass jemand so dumm war, sich auf Magie einzulassen.“

„Und was bedeutet es?“

Sie schob den Teller dichter zu ihm. „Du solltest essen.“ Hastig erhob sie sich.

„Willst du mir nichts sagen, weil du fürchtest, ich könnte die Jäger informieren?“, rief Koruk, als sie im Türrahmen stand.

Sie wandte sich zwar nicht um, wartete aber.

„Dann hoffe ich für euch, dass eure Magie nicht so offensichtlich ist, dass sie es ohnehin erfahren.“ Falls das geschah, wollte Koruk weit weg sein. In einem Punkt ähnelten diese Männer der Magie, die sie zu vernichten versuchten: Es kümmerte sie nicht, wenn es Unschuldige traf. „Von mir erfährt niemand etwas, das verspreche ich dir. Sag mir nur, was los ist, damit ich mich schützen kann.“

„Du brauchst nichts versprechen und du brauchst dich nicht schützen. Solange du in deinem Lager bleibst und nicht durch das Fenster schaust.“

Koruk sah die Tür zufallen, dann war er wieder allein. „Ein äußerst aufschlussreiches Gespräch“, brummte er, während er sich in eine sitzende Position hievte. Er hatte nicht erwartet, dass Neyla ihm bereitwillig alles erzählte, aber dass sie derart abweisend reagierte, nicht versuchte, etwas zu präsentieren, das als plausible Erklärung durchgehen könnte, überraschte ihn doch. Zum Schluss hatte sie nicht einmal abgestritten, dass Magie im Spiel war. Wusste sie denn nicht, dass sie mit diesem Verhalten seine Neugier anstachelte?

Koruk nahm eine Kartoffelscheibe zwischen die Finger und drehte sie vor den Augen. Es war Jahre her, dass er gezwungen war, so etwas roh zu essen. Aber das waren andere Zeiten, an die er nicht denken wollte. Aus einer Ecke huschte die Maus mit dem zerrissenen Ohr. Koruk legte die Kartoffelscheibe auf den Boden und sank rücklings gegen die kalte Wand. Er würde später essen, wenn er hungrig war.

Er beobachtete, wie sich die Maus dem Stück Kartoffel näherte. „Du weißt bestimmt, was hier vor sich geht“, sagte er zu dem Tier. „Und was auch immer es ist, es hat dich nicht vertrieben.“ Nur leider bedeutete der Umstand, dass sich dieses Ungeziefer sicher fühlte, nicht, dass Koruk keine Gefahr drohte.

Ohne ihn zu beachten, machte sich die Maus über das Fressen her.

Koruk starrte zu dem Vorhang, seiner Gefängnismauer, wie er ihn insgeheim nannte. Ein beinah vergessener Reim kam ihm in den Sinn. Damals, nachdem die Magie ihr schmutziges Gesicht offenbart hatte, als er noch so weit Kind gewesen war, wie man dies im Krieg sein konnte, hatte man ihn überall gehört:

 

Zaubern, das ist gar nicht schwer:

Ein Tropfen Blut

Und dazu Mut.

Zum Zaubern braucht’s nicht mehr.

 

Doch die Magie, sie dient dir nicht:

Es wird vollbracht

Mehr als erdacht.

Und deine Welt zerbricht.

 

Du glaubst meinen Worten nicht?

Probier es aus! Was hindert dich?

 

Inzwischen zitierte niemand mehr dieses Gedicht – zumindest niemand, dem sein Leben lieb war. Der neue König hatte es – wie viele andere Geschichten und Reime – verboten, damit die Menschen mit der Zeit vergaßen, wie Magie gewirkt wurde. Koruk glaubte nicht, dass das jemals geschah. Nicht in hundert und wohl auch nicht in tausend Jahren. Zu leicht war es, diese Magie zu entfesseln. Zu verführerisch ihre nahezu grenzenlose Macht. Die Frage war nur, ob sie an diesem Ort wütete. Nein, dachte er, nicht ob, sondern wie.

Das Licht warf gespenstische Schatten auf den Vorhang. Was versteckt ihr dahinter? Koruk könnte dorthin gehen und nachsehen. Dann hätte das Rätseln ein Ende, doch er saß so steif auf seinem Lager, als wäre er in Stein gegossen. Sie sagt, ich bin zu schwach, um aufzustehen. Schon bei diesem Gedanken war ihm bewusst, dass das nicht der Grund seines Zögerns war. Er würde seine Gefängnismauer erreichen, wenn er dies wollte – falls er zu schwach zum Gehen war, würde er eben kriechen.

Es war Angst, die ihn zurückhielt. Die Magie konnte die eigenartigsten Wirkungen entfalten. In seiner Heimatstadt hatte man von einer Frau erzählt, deren bloße Berührung unerträgliche Schmerzen verursachte. Was, wenn ein Blick aus dem Fenster Koruk bereits den Folgen der Magie auslieferte? Müsste er dann nicht längst betroffen sein? Immerhin war er schon dort draußen gewesen. Ihm schwirrte der Kopf. Jetzt sieh endlich nach, sagte er sich. Dann weißt du, woran du bist.

Langsam richtete er sich an der Wand auf. Seine Beine waren viel zu schwach; er hätte nicht auf Neyla hören und eher aufstehen sollen. Das Fenster lag nur wenige Schritte entfernt, doch diese lächerliche Entfernung erschien Koruk unüberwindbar. Er musste es dennoch versuchen, auch wenn er sich an die Hoffnung klammerte, dass es eine gewöhnliche Erklärung für Neylas Verhalten gab.

Koruk verdrängte das dumpfe Pulsieren in seinem Bauch und setzte den ersten Fuß nach vorne. Der Boden war eiskalt, aber Koruk hatte auch noch nie ein Feuer im Kamin gesehen.

Ein wackeliger Schritt folgte dem nächsten, jede Bewegung saugte die Kraft aus seinem Körper. Koruk streckte einen Arm seitlich aus, um sich an der Wand abzustützen, doch dadurch wurde es nicht leichter. Er verharrte, erschrocken über seinen jämmerlichen Zustand. Weiter, trieb er sich nach einer kurzen Verschnaufpause an.

Plötzlich verlor sein Bein an Festigkeit, sackte unter ihm weg und Koruk stürzte auf den Boden. Regungslos blieb er liegen. Sein Bauch schmerzte, als hätte ihm jemand mit einer eisernen Faust hineingeschlagen.

Augenblicklich erklangen schnelle Schritte auf der Treppe – Neyla. „Großartig“, brummte Koruk und stützte sich mühsam hoch, bis er endlich saß. Warum war er nicht gekrochen? Dann hätte er mit seinem Gepolter niemanden angelockt.

Die Tür wurde aufgerissen und Neyla stürmte in den Raum. „Warum liegst du nicht auf deinem Lager?“ Ihre Stimme hatte eine Schärfe, die Koruk noch nie vernommen hatte. Ihr Mund war zu einem Strich gepresst.

Er grinste schief. „Ich dachte, ich vertrete mir die Beine.“

„Das ist nicht lustig!“, zischte sie mit steinerner Miene. „Warst du beim Fenster?“

Er schüttelte den Kopf und ihre Züge wurden sanfter. „Ich hatte es vor“, gab er jedoch zu. Vielleicht würde sie dieses Eingeständnis zum Reden bringen.

„Was ist mit deiner Verletzung?“

„Es geht schon.“ Unter Koruks Bauchdecke stach und brannte es zwar heftig, aber es ließ allmählich nach. Hätte er sich die Wunde aufgerissen, würde sich das anders anfühlen. Kein Grund zur Beunruhigung demnach.

Ihr Blick ruhte nachdenklich auf ihm. „Warum wolltest du zum Fenster? Ich habe dir doch gesagt, dass du dich davon fernhalten sollst. Du bist in Gefahr, wenn jemand erfährt, dass du hier bist“, wiederholte sie, was sie ihm schon mehrfach gesagt hatte.

Vielleicht stimmte es sogar, auch wenn Koruk nicht verstand, was an seiner Anwesenheit gefährlich sein sollte, aber er würde einiges darauf verwetten, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. „Gut“, entgegnete er. „Dann bleibe ich hier sitzen. Du löschst das Licht und öffnest das Fenster. Draußen dürfte es mittlerweile dunkel sein. Niemand wird mich in dieser unbeleuchteten Kammer sehen.“

Wenn Koruk die Angelegenheit nicht so unheimlich erschiene, wäre es amüsant, Neyla zu beobachten, wie sie nach einer Ausrede suchte. „Wir können das Risiko nicht eingehen“, sagte sie schließlich wenig überzeugend.

„Geht es dir wirklich darum, dass ich nicht gesehen werde? Oder darf ich nicht sehen, was draußen los ist?“

Sie zögerte und wandte den Blick ab.

„Bin ich euer Gefangener?“, fragte er geradeheraus.

„Natürlich nicht!“ Die Empörung war unüberhörbar. Entweder sagte sie die Wahrheit oder sie war eine verdammt gute Lügnerin.

Dennoch, so leicht ließ sich Koruk nicht abspeisen. „Und warum behandelt ihr mich dann so?“

„Wir behandeln dich wie einen Kranken und nicht wie einen Gefangenen.“

„Tatsächlich?“ Koruk verzog die Lippen zu einem müden Lächeln. „Da, wo ich herkomme, gewährt man Kranken frische Luft. Gefangene hingegen werden in ein finsteres und stickiges Loch gesperrt. Meiner Kerkerzelle fehlen doch nur die Gitterstäbe, findest du nicht?“

„Ich kann das Fenster nicht öffnen“, murmelte sie und es klang, als täte es ihr leid. „Ich weiß, dass ich dir versprochen habe, alles zu erklären, aber ...“ Sie seufzte. „Mein Vater hat es mir verboten. Je weniger du weißt, desto sicherer ist es für uns. Hör bitte auf, Fragen zu stellen und vor allem: Gehe nicht zum Fenster. Du kannst dir nicht vorstellen, in was für eine Gefahr du uns bringst.“

„Nein, das kann ich wirklich nicht“, gab Koruk zurück. „Oder verrätst du mir wenigstens, wie diese Gefahr aussieht?“

Ein Kopfschütteln war die Antwort.

„Na wunderbar.“ Koruk ertappte sich dabei, wie er mit den Fingern auf den Boden trommelte, und hielt inne. „Irgendein Strohkopf hat sich mit Blutmagie eingelassen und alle anderen sind zu dumm oder ängstlich, um etwas dagegen zu unternehmen. Und du verlangst ernsthaft, dass ich ahnungslos warte, bis die Folgen dieser Magie auch mir schaden?“

Sie ging vor ihm in die Hocke und sah ihn eindringlich an. „Solange niemand außer Vater und mir weiß, dass du hier bist, wird dir nichts geschehen.“

Koruk stieß ein freudloses Lachen aus. „Du lässt wohl nichts unversucht, mich von diesem Fenster fernzuhalten.“ Wie von selbst ging sein Blick zu der Gefängnismauer.

Sie berührte seine Wange und drehte seinen Kopf zurück. „Das ist keine Ausrede, sondern die Wahrheit.“ Ihre Finger lagen einen Augenblick warm auf seiner Haut – eine Geste, die Koruk verunsicherte.

Erst als sich ihre Hand löste, brachte er eine Entgegnung heraus: „Ich weiß nicht, ob ich dir glauben kann.“

„Da hätte ich an deiner Stelle auch meine Zweifel.“ Ein Lächeln glitt über ihre Lippen. Seit seinem Erwachen war es das erste Mal, dass er sie so sah und es gefiel ihm besser, als ihm lieb war. „Ich will nicht, dass dir jemand etwas antut. Ich will, dass du gesund wirst. Warum sonst sollte ich dich pflegen?“

Das hatte Koruk sich auch schon gefragt. Aber da man ihn weder fesselte noch einschloss, fiel ihm kein anderer Grund ein. Und so, wie sie mit ihm sprach, konnte er nicht anders, als ihr zu vertrauen. Hoffentlich erwies sich das nicht als Fehler. „Werdet ihr mich gehen lassen, wenn ich gesund bin?“

„Natürlich. Wir müssen nur sicherstellen, dass dich niemand sieht.“

Immerhin etwas. Koruk gefiel es zwar nicht, im Ungewissen zu bleiben, aber auf ein paar Tage mehr kam es vermutlich nicht an. „Gut, keine weiteren Fragen und kein Blick aus dem Fenster.“

„Ich danke dir.“ Die Erleichterung war ihr ins Gesicht geschrieben.

Mit ihrer Hilfe kam Koruk auf die Beine und tappte unsicher zurück.

„Du kannst froh sein, dass mein Vater deinen Ausflug nicht bemerkt hat.“

Koruk ließ sich auf die Decken fallen. „Der hätte mir wohl eine ordentliche Standpauke gehalten.“

„Er hätte dich an ihn ausgeliefert“, flüsterte sie mit düsterer Stimme.

Verwundert starrte Koruk sie an. „Ihn?“

Ein entsetzter Blick ihrerseits, ein Kopfschütteln und schon stand sie im Türrahmen. „Ich bin gleich wieder da.“

‚Er hätte dich an ihn ausgeliefert’, hallte es in Koruks Kopf nach. Es war das erste Mal, dass Neyla ihm – wenn auch unabsichtlich – etwas verraten hatte. Erneut fixierte er den Vorhang, erneut regte sich die Frage in ihm, was sich dahinter verbarg. Du hast es ihr gerade versprochen, mahnte er sich. Er sollte sich zumindest so lange an sein Wort halten, wie sie ihres wahrte, ihn gehen zu lassen, sobald er gesund war. Wie wohl Debin zu dieser Angelegenheit stand? Falls er darauf beharrte, dass Koruk blieb, würde Neyla abermals ihr Versprechen brechen, davon war Koruk überzeugt.

In diesem Moment schwang die Tür auf und Neyla kehrte mit zwei Schüsseln Wasser und einem Bündel Kleidung zurück. Dass es zwei Schüsseln waren, konnte bloß eines bedeuten.

Koruk verzog das Gesicht. „Meiner Wunde geht es gut.“ Sie hatte ihn genug gepflegt. Der Rest würde auch ohne ihre Hilfe verheilen. Es brauchte nur Zeit.

„Ich sehe sie mir trotzdem an.“ Ihr Gesichtsausdruck war bestimmt, also hatte es wenig Sinn, mit ihr zu diskutieren.

Widerwillig zog Koruk das Leinenhemd über den Kopf. Seine Wunde zerrte und spannte dabei, egal, wie vorsichtig er war.

Ihr Blick blieb einen Wimpernschlag an der blassen Narbe hängen, die sich in fünf Striemen quer über seinen Brustkorb zog. Wie stets, wenn sie nach seiner Wunde sah. Gefragt hatte sie ihn nie danach.

Während sie den Verband löste, erklärte Koruk: „Die Narbe hat mir ein Wandler verpasst.“

Konzentriert betrachtete sie seine Verletzung und wusch sie.

Das eisige Wasser brannte in Koruks Wunde, ließ ihn zusammenzucken.

„Du hast Glück gehabt“, sagte sie, als sie ihn neu verband. Sie stellte ihm die andere Schüssel hin, damit er sich waschen konnte.

Aus der glatten Oberfläche blickte ihn sein Spiegelbild an. Die schwarzen Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht und eine Rasur könnte er auch vertragen – nicht gerade ein vertrauenerweckendes Erscheinen. Er tauchte beide Hände in das Nass und die Gestalt in der Schüssel verschwamm.

Neyla hockte noch vor ihm. Normalerweise ließ sie ihn in diesen Momenten allein.

Er warf ihr einen fragenden Blick zu.

Sie deutete auf seine Narbe. „Welche Gestalt hatte er?“

Überrascht antwortete er: „Die eines Bären.“

„Wieso hat er dich verletzt? Es heißt, Wandler seien ein friedfertiges Volk.“

Früher einmal. Bevor man sie gefügig gemacht hat. „Ich habe ihn angegriffen.“

Einen Augenblick sah sie ihn sprachlos an. „Wer ist denn so waghalsig, einen Wandler anzugreifen? Oder wusstest du nicht, was er ist?“

„Doch.“ Freiwillig hätte er das nicht getan, so schwer, wie diese Wesen zu töten waren. „Im Krieg kann man sich nicht aussuchen, wen man angreift.“ Er füllte seine Handflächen mit Wasser und versenkte sein Gesicht darin. Der Kampf mit dem Wandler gehörte zu jenen Erinnerungen, die er am liebsten auslöschen würde und die hartnäckig blieben. Die Narbe auf seiner Brust tat ihr Übriges. Warum hatte er ihr überhaupt davon erzählt? Weil er sie beeindrucken wollte? Er war so einfältig.

„Du bist Soldat?“ Erstaunen schwang in ihrer Stimme mit.

„Ich war es.“

„Bist du desertiert?“

„Nein!“ Wie kommt sie denn auf diesen Blödsinn? Dann fiel sein Blick auf die Gestalt, die ihn aus der Wasserschüssel ansah. Bei diesem zwielichtigen Äußeren war die Frage nicht verwunderlich. Erst jetzt bemerkte er, dass das Bündel Kleidung, welches Neyla ihm hingelegt hatte, ihm gehörte. Gewaschen und genäht zwar, aber es waren die Sachen, mit denen er sterbend durch den Wald getaumelt war. Er nahm das Bündel und stellte erleichtert fest, dass sich in der Manteltasche noch immer Geldbeutel und Empfehlungsschreiben befanden. So konnte er seinen Rettern wenigstens ihre Hilfe vergüten und die Reise ohne weitere Verzögerungen fortsetzen. Doch etwas anderes fehlte. „Gebt ihr mir mein Schwert zurück, wenn ich gehe?“

„Du hattest kein Schwert.“

Also war es entweder gestohlen worden, während er bewusstlos war, oder Neyla log. Falls sie die Wahrheit sagte, wunderte es ihn allerdings, dass der Dieb keine Verwendung für die Münzen hatte. Da weitere Fragen diesbezüglich nichts brachten, wechselte Koruk das Thema: „Wie habt ihr mich überhaupt gefunden?“

„Mein Vater hatte im Wald zu tun. Es war nichts als Zufall.“ Sie straffte sich, schlüpfte durch die Tür und Koruk war allein.

Und was hat der Alte nachts im Wald verloren?

Erneut betrachtete er seine Gefängnismauer, war versucht, sie zu überwinden. Neyla hatte ihm versprochen, dass er gehen könnte, sobald er gesund sei, also sollte er schleunigst zu Kräften kommen. Dann würde sich zeigen, ob Debin nochmals seine Pläne durchkreuzte.

Koruk zog auch Hose und Socken aus, tauchte den Lappen ins Wasser und wusch sich eher hastig als gründlich. Trotz der Schnelligkeit bibberte er heftig beim Abtrocknen. Während Koruk versuchte, die Nässe von seinem Körper sowie die Kälte daraus zu rubbeln, dachte er daran, wie er hierher gekommen war. Es war ein dummer Unfall gewesen – leicht zu vermeiden, wenn er vorsichtiger gewesen wäre. Dabei hatte er nur zum Meer reisen wollen, von dem sein Vater ihm früher erzählt hatte. Jetzt musste er mit den Konsequenzen leben und hoffen, dass er diesen Ort bald verlassen konnte. Wenigstens einmal wollte er den Schrei der Möwen und das Rauschen der Wellen hören, um zu wissen, ob er die Liebe seines Vaters teilte.

Mit klammen Fingern zog er seine Sachen an, wickelte sich in Mantel und Wolldecke und starrte in die tanzende Flamme des Kienspans. Ich werde fortgehen, sagte er sich, mit oder ohne Neylas Einverständnis. Auch wenn ihm Ersteres lieber wäre.


* * *

 

Kapitel 2

Koruk sehnte den Abend herbei wie ein Kind seinen Namenstag, denn dann durfte er das Krankenlager verlassen. Nur in Begleitung natürlich und lediglich für kurze Zeit, aber immerhin. Neyla hatte mit ihrem Vater gesprochen, bevor sie Koruk die Botschaft überbracht hatte, sodass dieses Versprechen wohl nicht gebrochen wurde.

Schon seit Neylas Ankündigung versuchte Koruk, sich auszumalen, was ihn bei diesem Abendessen erwartete und ob er einen Hinweis bekäme, was sich hier abspielte. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, wie der Raum aussah, in den man ihn heute führte. Zu viele Widersprüche waren ihm begegnet: Seine Retter konnten zwar den Platz erübrigen, Koruk ein komplettes Zimmer zu überlassen, die Wände waren aus massivem Stein und sowohl seine Gefängnismauer als auch Neylas Kleider aus hochwertigen Stoffen; dennoch waren Letztere geflickt, die Räume trotz ständiger Kälte unbeheizt, das Essen so gut wie nie gekocht – und wenn doch, dann aß man die Reste an den Folgetagen kalt – und Kienspäne zündete man derart selten an, dass man sie für etwas besonders Wertvolles halten könnte.

Vielleicht waren sie früher wohlhabend und haben ihren Reichtum verloren, überlegte er. Das erklärte zwar vieles, aber nicht, warum Koruks Anwesenheit geheim bleiben sollte.

Die Zeit bis zum Abend zog sich zäh dahin. Als Neylas Trippeln schließlich auf der Treppe erklang, wähnte Koruk sich in tiefster Nacht. Beim Öffnen der Tür erstrahlte seine Kammer ausnahmsweise nicht in Helligkeit. Lediglich ein schwacher Schein ließ ihn ihre Silhouette erkennen.

„Du kannst mit mir kommen“, sagte sie.

Koruk musste sich beherrschen, nicht wie ein Verrückter an ihr vorbei zu stürmen. Stattdessen folgte er ihr langsam durch die Tür und die Treppe hinab. Er nahm noch wahr, wie Neyla ein flackerndes Licht von einer Stufe nahm. Doch bereits nach wenigen Stufen waren seine Beine zittrig und die ungewohnten Bewegungen forderten Koruks gesamte Aufmerksamkeit, sodass er sich trotz brennender Neugier nicht umsehen konnte.

Unten angekommen musste Koruk verschnaufen. Während er sich am Treppengeländer festklammerte, ließ er seinen Blick wandern. Er befand sich in einem Flur, der geräumiger war als manche Hütte und in dem kein einziges Möbelstück stand. Neben der Treppe zu seiner Kammer führte eine weitere in die Tiefe. Zwei Vorhänge links und rechts einer Tür verdeckten offenbar Fenster. Vermutlich hatte Neyla mehrfach überprüft, dass sämtliche Sicht nach draußen unmöglich war, ehe sie Koruk geholt hatte. Schade eigentlich ...

Plötzlich begriff Koruk, dass die Tür zwischen den beiden Vorhängen wohl ins Freie führte. Ob sie verschlossen ist?

„Lass uns weitergehen.“ Sie löschte das Licht.

Bestimmt ist sie das. So oft, wie Neyla ihm den Blick aus dem Fenster verboten hatte, würde sie nicht riskieren, dass er jetzt auf die Straße spazierte.

„Wir müssen wirklich weitergehen“, vernahm er Neylas drängende Stimme. Ihrer besorgten Miene nach zu urteilen, ahnte sie, woran er eben gedacht hatte. „Vater wartet auf uns.“

Auf ein Wiedersehen mit Debin konnte Koruk verzichten, aber auf das Zimmer war er umso gespannter, und so folgte er Neyla durch die offene Tür, aus der ein warmer Schein leuchtete. Zwar hatte er geahnt, dass Neyla und Debin einmal vermögend gewesen waren, dennoch war ihm, als betrete er eine andere Welt: Der riesige Raum strahlte einen Reichtum aus, wie Koruk ihn lange nicht gesehen hatte, und wirkte gleichzeitig herrlich behaglich. Tisch und Stühle hatten filigran geschnitzte Füße, an den Wänden blitzten silberne Kerzenleuchter und über einem riesigen Kamin hing ein Gemälde mit einem verzierten Rahmen. Weiter hinten im Raum standen eine Gruppe von Sesseln und Bänken mit farbenfroh bestickten Sitzpolstern und ein hohes Bücherregal. Ein drastischer Gegensatz zu Koruks kahlem Krankenzimmer.

„Setz dich, bitte“, hörte er Neyla sagen. Sie wies auf einen Stuhl gegenüber ihrem Vater.

Als Koruk zum Tisch ging, stieg ihm ein Duft von Kräutern und gekochtem Gemüse in die Nase, der ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Inzwischen war er bestimmt schon drei Wochen hier und es war erst das zweite Mal, dass es etwas Warmes gab. Koruk nahm Platz und nickte dem Mann zu. „Guten Tag, Debin.“ Ein wenig Höflichkeit konnte nicht schaden.

Der Griesgram brummte unverständlich.

Koruk kümmerte die Laune des Alten herzlich wenig. Er schloss seine eisigen Hände um eine Tasse, aus der es herrlich dampfte, und genoss das wohlige Gefühl, als die Kälte aus den Fingern wich. Wenn schon nie ein Feuer im Kamin brannte, so war das doch ein guter Ersatz – zumindest kurzzeitig.

Neyla füllte die Teller und alle begannen zu essen. Die Suppe schmeckte etwas fade, aber ansonsten nicht schlecht. Zwischen Kartoffeln, Sellerie und Bohnen schwammen sogar einige Stückchen Hühnerfleisch. Und der Kräutertee war hervorragend.

Eine Weile erklang nur das Klappern der Löffel. Während Neyla jedem nachfüllte, räusperte sich Debin: „Wie lange wirst du noch für deine Genesung benötigen, Fremder?“

Neyla kam Koruk zuvor: „Gib ihm doch die Zeit, die er braucht.“

Debin beachtete sie nicht und stierte Koruk an. „Also, Fremder: Wie lange wirst du meiner Tochter noch zur Last fallen und dich von uns durchfüttern lassen?“

Falls der Mann bezweckte, Koruk ein schlechtes Gewissen zu machen, hatte er damit keinen Erfolg. „Keine Ahnung. Ein paar Tage wird es bestimmt dauern.“

„Meine Tochter sagte, dass deine Verletzung verheilt ist.“

„Das ist richtig“, bestätigte Koruk und füllte seinen Löffel. „Deine Tochter sagte aber auch, dass ich mich vorsehen muss, damit die Wunde nicht aufreißt. Außerdem bin ich durch das viele Liegen geschwächt.“ Er war ja kaum die Treppe heruntergekommen. „Es wäre sicher hilfreich, wenn ich mich im Haus bewegen könnte.“

„Werd nicht unverschämt.“

Koruk zuckte mit den Schultern und aß. Er hatte ohnehin nicht mit Zustimmung gerechnet. „Wenn dir meine Anwesenheit lästig ist, kann ich auch gleich gehen. Sag mir, wo sich das nächste Gasthaus befindet, und du bist mich los.“ Koruk legte zwar keinen Wert darauf, sich dorthin zu schleppen, aber er war auf Debins Reaktion neugierig.

„Du wirst heute nicht gehen.“ Das war keine Bitte. Das war ein Befehl.

„Warum nicht heute?“

„Wir müssen Vorbereitungen treffen.“

Koruk fragte nicht weiter und aß stattdessen seine warme Suppe. Als der Teller leer war, lehnte er sich satt und innerlich gewärmt zurück. Ein wundervolles Gefühl.

Sein Blick fiel auf ein Gemälde, das über dem kunstvoll gemeißelten Kamin hing. Es zeigte ein junges Paar mit einem kleinen blonden Mädchen. Die Frau wies eine gewisse Ähnlichkeit mit Neyla auf – vermutlich ihre Mutter. Was wohl aus ihr geworden war?

Er schaute sich weiter um und betrachtete das riesige Bücherregal und die Gruppe von Sesseln und Bänken. Jetzt, wo Koruk genauer hinsah, wirkten die Möbel nicht mehr luxuriös. Zwar mussten alle Einrichtungsstücke einstmals ein Vermögen gekostet haben, aber inzwischen hatten sie ihren Prunk eingebüßt: In den zahllosen Kerzenhaltern befanden sich keine Kerzen mehr; stattdessen brannte ein einzelnes Binsenlicht auf dem Tisch. Die Stoffbezüge der Sitzmöbel waren abgewetzt, die Schnitzereien der Stühle beschädigt, das Bücherregal nur gering bestückt und an den Wänden zeugten dunkle Schatten davon, dass es früher deutlich mehr Gemälde gegeben hatte als dieses eine über dem Kamin.

Neyla verließ den Raum und kehrte kurz darauf mit drei Schälchen zurück, gefüllt mit Blaubeeren und Walderdbeeren. So süß und saftig, dass Koruk selbst Debins grimmiges Gesicht gleichgültig war.

Als Neyla den Tisch abräumte, fragte Koruk sie: „Kann ich aufstehen und mich ein wenig umsehen?“

„Solange du im Zimmer bleibst und dich von den Vorhängen fernhältst, habe ich nichts dagegen.“

Koruk wartete nicht, bis Debin Einwände erhob und ging zu dem Bücherregal. Er zählte lediglich neun Bücher, obwohl bestimmt hundert hineinpassten. Eines der Exemplare erschien ihm vertraut – der meerblaue Einband, die silberne Schrift und der markante Schnörkel auf dem Rücken. Er hätte schwören können, dass seine Eltern das Gleiche besessen hatten, und zog es aus dem Regal. Es war leichter als er es in Erinnerung hatte, aber damals war er ein Kind gewesen.

„Stell sofort das Buch zurück!“, fuhr ihn der Alte so plötzlich an, dass er den Band beinahe fallen gelassen hätte.

Koruk warf einen genervten Blick in Debins Richtung, tat aber wie ihm befohlen.

Es dauerte keinen Wimpernschlag, da stand Neyla bei ihnen. „Was ist passiert?“

„Dieser Schmarotzer hat sich an meinen Büchern vergriffen.“

Neyla schien die Empörung ihres Vaters nicht zu teilen. Koruk meinte sogar, Belustigung in ihren Augen zu sehen. „Fass lieber nichts an“, sagte sie an Koruk gewandt und eilte zurück zur Tür. Kurz davor drehte sie sich um. „Kannst du etwa lesen? Hast du deshalb das Buch genommen?“

„Es erinnert mich an mein Elternhaus.“

Obwohl er ihre Frage nicht beantwortet hatte, nickte sie und ging.

„So ein Schwachsinn“, knurrte Debin, humpelte auf Koruk zu und baute sich vor ihm auf. „Als ob einer wie du Eltern hätte, die sich Bücher leisten können. Als ob einer wie du überhaupt des Lesens mächtig wäre. Pah! Das sind doch billige Lügen, um meiner Tochter zu imponieren.“

Langsam war Koruk es leid, sich beschimpfen zu lassen. Dies war bestimmt die dritte Anfeindung – bei den wenigen Worten, die Debin von sich gegeben hatte, eine Höchstleistung. Da höfliches Ignorieren keinen Erfolg gezeigt hatte, sah Koruk keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten. „Glaubst du wirklich, deine Tochter ließe sich so leicht beeindrucken? Das ist traurig.“

Für einen Moment war Debin still, aber sein Gesicht sprach Bände. Dann rief er nach Neyla, die sogleich auftauchte. „Schaff ihn mir aus den Augen!“ Er griff das Buch, welches Koruk sich zuvor angesehen hatte, und humpelte zu einem Sessel.

Ratlos blickte Neyla zwischen den beiden Männern hin und her. „Wir hatten doch vereinbart, dass er den ganzen Abend hier verbringt.“

Debin stieß ein Schnauben aus. „Da wusste ich auch nicht von seinen Unverschämtheiten und Lügen.“

„Wovon sprichst du, Vater?“

„Etwa von seiner Behauptung, lesen zu können.“ Neyla setzte zu einer Erwiderung an, doch Debin redete unbeirrt weiter. „Bring den Kerl jetzt hoch! Ich lasse mich nicht umstimmen.“

Neyla nahm einen Kienspan und entzündete ihn an der Flamme. Mit einer Handbewegung bedeutete sie Koruk, ihr zu folgen.

Als er den Alten passierte, welcher demonstrativ in das Buch starrte, konnte er es sich nicht verkneifen, etwas klarzustellen: „Übrigens, Debin: Ich habe nie behauptet, lesen zu können.“

Der Mann stierte auf die Seiten, aber daraus, dass sich seine Augenbrauen zusammenzogen, folgerte Koruk, dass er verstanden hatte. Hoffentlich kam der Kerl sich dämlich vor.

Der Gang zurück war noch anstrengender als der Hinweg. Ab morgen würde Koruk sich mehr Bewegung verschaffen und von einem Ende seiner Zelle zum anderen schleppen. Erschöpft ließ er sich auf sein Lager sinken.

Neyla stand unbeweglich im Türrahmen, das tanzende Licht in den Händen. „Brauchst du noch etwas?“

„Ich habe alles, danke, aber ich möchte dir gerne eine Frage stellen.“

Sie schmunzelte. „Wieder von der Art, die ich nicht beantworten darf?“

„Ich glaube nicht.“

„Dann frag.“

„Das Bild dort unten zeigt deine Eltern und dich, nicht wahr?“

„Ja, das stimmt.“ Ihre Stimme hatte einen belegten Klang, ihr Gesicht war wie versteinert.

„Wo ist deine Mutter?“

„Sie starb.“ Neyla blickte starr in die Flamme. „Kurz nachdem dieses Gemälde entstand, wurde sie schwanger. Wir freuten uns riesig auf das Kind, aber es wurde nie geboren. Die Schwangerschaft hat sie beide getötet.“

In Koruks Mund breitete sich Trockenheit aus. „Wie alt warst du, als das geschah?“

„Beinahe fünf.“

Koruk wusste nicht, was er entgegnen sollte.

„Versuch, zu schlafen“, hörte er Neyla sagen. „Ich werde sehen, was ich tun kann, damit du morgen wieder mit uns essen kannst.“

So, wie der Abend verlaufen war, hätte Koruk das am wenigsten erwartet. „Dein Vater wird davon nicht begeistert sein.“

„Ich weiß auch nicht, ob ich ihn umstimmen kann, aber falls es mir gelingt, gehe nächstes Mal nicht auf seine Sticheleien ein. Er sucht nur einen Grund, dich zurück in deine Kammer zu schicken.“

Immerhin hatte Koruk Debin diesen Gefallen erst nach dem Essen getan. Um die warme Suppe und die leckere Nachspeise wäre es schade gewesen. Neyla ging und Koruk wickelte sich in Mantel und Decke, bemüht darum, einzuschlafen, ehe sich die Kälte erneut in seinem Innersten einnistete.


* * *


Irgendwie war es Neyla gelungen, ihren Vater zu überreden, und da Koruk sämtliche Anfeindungen von Debins Seite überhörte, nahm er schon seit einigen Tagen an den abendlichen Mahlzeiten teil.

„Möchtest du mehr?“, fragte Neyla und hielt die Kelle in die Höhe.

„Danke, nein.“ So wenig, wie sich Koruk körperlich betätigte, hatte er keinen Appetit. Außerdem dampfte das Essen nicht. Er zog seinen Teller heran und sah sich im Zimmer um, während Neyla ihrem Vater und sich auffüllte. Jeden Abend hoffte er, dass die beiden vergaßen, einen der zahlreichen Vorhänge zuzuziehen, aber bislang war das nie geschehen. Er musste wohl warten, bis sie ihn gehen ließen. Falls sie ihn gehen ließen ... Nun, heute würde er erfahren, ob er wirklich kein Gefangener war.

Während Koruk seine Portion geraspeltes Gemüse löffelte, sah er aus den Augenwinkeln Debins abweisenden Blick. Die Sticheleien hatten zwar nachgelassen, aber Freundlichkeit herrschte deswegen nicht. Koruk verstand beim besten Willen nicht, warum Debin ihn damals aus dem Wald gerettet hatte.

„Schmeckt es euch?“, durchbrach Neyla das Schweigen.

Debin murmelte: „Geht.“

„Es ist vorzüglich“, lobte Koruk, auch wenn ihm warmes Essen mehr zusagte. Aber es war tatsächlich gut gewürzt und zudem gefiel es ihm, auf diese Weise Debin zu ärgern.

Neyla strahlte, während zeitgleich das Gesicht ihres Vaters zunehmend verkrampfte.

Koruk genoss beides und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erwiderte er Neylas Lächeln.

Der Griesgram sah inzwischen aus, als wolle er Koruk über den Tisch zerren.

Nach dem Essen lehnte sich Koruk zurück. „Ich möchte mich bei euch bedanken. Ihr habt mir das Leben gerettet und euch gut um mich gekümmert, aber ich habe eure Gastfreundschaft lange genug strapaziert. Mir geht es gut.“ Zumindest gut genug, um zu verschwinden. „Deshalb verlasse ich euch morgen.“

Neyla und ihr Vater tauschten undefinierbare Blicke aus.

Neyla war die Erste, die ihre Sprache wiederfand. „Du kannst nicht einfach gehen.“

Also doch ein Gefangener? Koruk setzte ein unschuldiges Lächeln auf. „Weil ihr Angst habt, dass mich jemand sieht? Keine Sorge, ich breche nachts auf. Ich will euch schließlich nicht in Schwierigkeiten bringen.“

Neyla runzelte die Stirn. „Das meinte ich nicht.“ Sie warf ihrem Vater einen Hilfe suchenden Blick zu. „Vater, wie ... Ich meine, warum sagen wir ihm nicht, was ...?“

„Schweig!“, fuhr der Alte sie an und Neyla senkte den Kopf wie ein gescholtener Hund.

Koruk gefiel es überhaupt nicht, wie Debin mit seiner Tochter umging, doch er wollte sich nicht in fremde Familienangelegenheiten einmischen – wie lange auch immer ihm das gelingen mochte.

Debin erhob sich und humpelte davon. „Komm mit, Neyla!“

Sie warf Koruk einen verstohlenen Blick zu und murmelte: „Warte hier auf uns.“

Koruk nickte zögerlich und schon war er allein.

Was die beiden wohl hinter verschlossenen Türen besprachen? Vielleicht redeten sie darüber, wie sie ihn unauffällig gehen ließen. Ausgeschlossen. So, wie die beiden sich verhalten hatten, ging es um alles, aber nicht darum. Ich sollte jetzt abhauen, dachte Koruk. Eine bessere Gelegenheit würde er kaum bekommen. Doch er saß regungslos auf seinem Stuhl und starrte zur Tür, hinter der Debin und Neyla verschwunden waren.

Die Verschwiegenheit der beiden machte ihm ebenso viel Angst wie die Ungewissheit, was ihn vor dem Haus erwartete. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass die beiden ihm etwas antaten. Wieso sollten sie sich erst die Mühe machen, ihn gesund zu pflegen, wenn sie ihm anschließend an den Kragen wollten? Ganz davon abgesehen war er beiden körperlich überlegen, sobald er im Besitz seiner alten Kräfte wäre. Das alles ergab keinen Sinn.

Koruk blickte zu den Vorhängen, welche die Fenster verdeckten. Abhauen würde er nicht, entschied er, aber er wollte sich auch nicht länger mit Ausreden abspeisen lassen. Er löschte das Licht und es wurde augenblicklich stockdunkel. Vorsichtig ging er zu einem der Vorhänge, zog ihn ein Stück zur Seite und schaute hinaus. Alles wirkte normal – eine gewöhnliche Siedlung in der Dunkelheit. Offenbar hatte er sich geirrt und Neyla unrecht getan. Seine Hand umfasste bereits den Saum, um das Fenster zu verbergen, da sah er es: Der nahezu runde Mond war sonderbar verzerrt, waberte und schwankte als wäre er ein Spiegelbild auf einer Wasserfläche – und doch ragte er hoch über den Häusern am schwarzen Himmel. Koruk schluckte. Das war widernatürlich. Das war Blutmagie.

Plötzlich riss ihn jemand vom Fenster weg. Koruk hatte gar nicht mitbekommen, dass Neyla und Debin zurück waren. Der Stoff des Vorhangs rauschte in der Stille. Kurz darauf erklang ein krachendes Geräusch und ein Funken glomm im Zunder vor Neyla auf dem Tisch. Vorsichtig entzündete sie die Binse, schob sie in die Halterung und legte den Zunder zurück zu Feuerstein und Schlageisen in eine Schale.

„Es war dumm, dass du nicht auf meine Tochter gehört hast, Fremder“, brummte Debin von der Seite.

War es das? Alles, woran Koruk denken konnte, war das wabernde Bild des Mondes. Verdammt, wo bin ich nur hineingeraten?

Neyla betrachtete Koruk. In ihrem Blick lag etwas Trauriges. „Du hast mir doch versprochen, nicht aus dem Fenster zu sehen.“

Er sollte vermutlich ein schlechtes Gewissen haben, aber das hatte er nicht. „Und du hast versprochen, dass ihr mich gehen lasst. Danach sah es eben allerdings nicht aus.“

Sie schwieg und senkte den Kopf. Koruk wertete es als Bestätigung.

„Neyla!“, erklang Debins durchdringende Stimme. „Bring ihn in seine Kammer.“

Sie nickte, nahm einen Kienspan und entzündete ihn am Binsenlicht. „Komm“, sagte sie zu Koruk, ging voraus in den Flur und auf die ersten Stufen.

Koruk folgte ihr, doch am Fuß der Treppe, neben der Tür, die ins Freie führen musste, zögerte er. Noch war es nicht zu spät, abzuhauen. Wie zufällig schob sich Debin zwischen ihn und die Tür. Koruk hätte ihn niederschlagen und sich davonmachen können, doch er fühlte sich schäbig bei dem Gedanken, jemanden zu verletzen, der ihm geholfen hatte. Auch wenn ihm Debin nicht sonderlich sympathisch war, so war er doch derjenige, der ihn nach Neylas Erzählungen gefunden und hierher geschleppt hatte. Koruk konnte ebenso warten bis Debin schlief. Er gab sich einen Ruck und folgte Neyla nach oben.

Am Ende der Treppe blieb Neyla stehen und blickte zu ihrem Vater. „Bitte verrate ihn nicht. Es war dunkel im Zimmer. Niemand hat ihn gesehen.“

„Vermutlich hast du recht“, entgegnete Debin.

Erleichtert atmete sie aus und ging in Koruks Kammer, wo sie das Licht in eine Ecke stellte. „Brauchst du noch etwas?“, fragte sie wie jedes Mal, wenn sie ihn zurückbrachte.

„Antworten.“

„Du weißt, dass ich das nicht darf.“ Sie wollte das Zimmer verlassen.

Koruk schlug die Tür zu und positionierte sich davor.

„Lass mich gehen!“, forderte Neyla und schaute ihm in die Augen. Wenn sie sich vor ihm fürchtete, ließ sie es sich nicht anmerken.

„Wieso sieht der Mond so merkwürdig aus?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das werde ich dir nicht sagen. Selbst wenn du mich die ganze Nacht hier festhältst.“

„Dann hätte ich wenigstens Gesellschaft“, entgegnete er salopp und musterte sie. „Willst auch du mich im Ungewissen lassen oder tust du das bloß, weil dein Vater es dir sagt?“

Sie wandte sich um und ließ sich auf Koruks Nachtlager nieder. Dann blickte sie ihn an. „Ich würde dir gerne alles erzählen. Sehr gerne. Das Problem ist nur, dass mein Vater nicht unrecht hat. Wenn bekannt wird, dass du bei uns bist, bekommen wir ohnehin Ärger – vielleicht wird es nicht so schlimm, wenn du nichts weißt.“

„Ich kann euch mein Wort geben, vor jedem anderen zu beteuern, ihr hättet mir nichts verraten.“

Neyla lächelte traurig. „Das reicht meinem Vater nicht.“

„Und was ist mit dir?“

„Das spielt keine Rolle.“

„Ach nein?“ Koruk konnte es nicht begreifen. Diese verfluchte Geheimniskrämerei. Dass sich Neyla, eine erwachsene Frau, derart von ihrem Vater bevormunden ließ. „Gesteht dir dein Vater generell nicht zu, eigenständige Entscheidungen zu treffen, oder ist das nur bei mir so?“

„Du verstehst das nicht“, entgegnete sie ruhig. Für einen Moment schien sie zu überlegen, ob sie weiterreden sollte, fuhr dann aber fort: „Dass du unter unserem Schutz bleibst, stand schon mehrfach infrage. Wie gesagt – das Risiko für Vater und mich ist beträchtlich. Er hat sich von mir überreden lassen – zu seinen Bedingungen. Du tätest gut daran, diese nicht ständig zu hinterfragen, sonst überlegt er es sich noch anders.“ Sie blickte zu dem Vorhang. „Falls er es nicht bereits getan hat.“

„Wann kann ich fortgehen?“

„Ich könnte das mit meinem Vater besprechen – vorausgesetzt, du lässt mich zu ihm.“

„Habt ihr das nicht längst geklärt?“

„Leider nicht.“

Seufzend gab Koruk die Tür frei. Sie verriet ihm ja doch nichts.

Zu seiner Überraschung blieb sie sitzen. „Hast du eine Familie, die auf dich wartet?“

Er schüttelte den Kopf – verwundert über eine solch persönliche Frage, wo sie nicht einmal seinen Namen kannte.

Sie erhob sich, strich ihre Röcke glatt und sah ihn zögerlich, beinahe schüchtern an. „Wäre es denn so furchtbar, hierzubleiben?“

Koruk wusste nicht, wie er ihre Äußerung verstehen sollte. Nein. So, wie sein Herz plötzlich trommelte, wusste er es genau. Vielmehr war er unschlüssig, wie er darauf reagierte. Natürlich mochte er sie, aber auch um ihretwillen ließ er sich nicht ewig einsperren.

Im Moment des Schweigens erklang ein fernes Geräusch – wie das Klappen einer Tür. Neylas Augen weiteten sich in Entsetzen und sie stürmte aus der Kammer. Koruk folgte ihr. Über ihre Schulter sah er, wie Debin sich am Fuße der Treppe den Mantel auszog.

„Was hast du getan, Vater?“ Neylas Stimme klang brüchig, von Angst entstellt.

Da erinnerte sich Koruk an das, was Neyla einst über ihren Vater gesagt hatte: ‚Er hätte dich an ihn ausgeliefert.‘ Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus.


* * *

 

Kapitel 3

Neyla stürmte die Treppe hinunter zu ihrem Vater. „Was hast du ihnen erzählt?“ Ihre Stimme überschlug sich.

„Dass er bei uns ist“, entgegnete Debin seelenruhig. Er blickte an Neyla vorbei zu Koruk. „Falls du vorhast fortzulaufen, Fremder, sei gewarnt: Wenn sie dich auf der Straße erwischen, machen sie kurzen Prozess mit dir.“

„Wenn mich wer auf der Straße erwischt? Oder darf ich das auch nicht wissen?“

„Die Stadtwache“, murmelte Neyla.

Warum sollte die Stadtwache mich töten? Bestrafen vielleicht. Immerhin durfte er aus ihm unerklärlichen Gründen nicht hier sein. Aber töten? Er hatte sich doch nichts zuschulden kommen lassen. Fortlaufen würde er dennoch nicht, beschloss er mit ungutem Gefühl. Am Ende hielten sie ihn genau deshalb für einen Verbrecher.

„Warum hast du ihn verraten, Vater? Es war dunkel. Niemand hat ihn gesehen.“ Neyla machte ein Gesicht, dass Koruk sich fragte, ob Flucht tatsächlich eine so schlechte Option war.

„Glaubst du wirklich, ich gehe dieses Risiko ein? Für einen Fremden? Dann sollen sie es lieber von uns erfahren. Wir werden uns auch so schon auf ...“ Er brach ab, als Neyla zu einem Vorhang hastete und aus dem Fenster sah.

„Sie kommen“, hauchte sie atemlos und eilte zu Koruk hinauf. „Wir müssen dich verstecken.“ Sie schnappte sich das Licht, packte Koruk am Handgelenk und zerrte ihn in ein Zimmer.

„Wozu soll ich mich verkriechen? Dein Vater wird mich sowieso ausliefern.“ Dennoch ließ er sich von ihr fortziehen. Ihre Sorge rührte ihn.

„Nein, wird er nicht“, flüsterte sie bestimmt und blickte sich um. „Geh da rein!“ Sie wies auf einen Schrank.

Koruk runzelte die Stirn. „Das ist doch kein Versteck.“

„Es ist die einzige Möglichkeit“, widersprach Neyla und schob ihn vorwärts.

„Den Unsinn können wir uns sparen. Wenn sie nach mir suchen, werden sie mich auch fin...“

„Halt den Mund und geh da rein!“, fuhr sie ihn an.

Koruk schluckte seine Antwort herunter und gehorchte. Sie war offenbar davon überzeugt, dass sie ihm helfen konnte, also tat er ihr den Gefallen – auch wenn er damit alles schlimmer machte.

Neyla verschloss die Schranktüren, als er im Inneren war. Schwache Lichtstrahlen fielen durch die Ritzen und verblassten zusehends. Es war viel zu dunkel, als dass Koruk irgendetwas erkannte, aber er ging ohnehin nicht davon aus, dass er lange an diesem Platz ausharren musste. Der Alte hatte die Stadtwache geholt, wieso sollte er Koruk jetzt verschonen? Dass Neyla anderer Meinung war, verstand Koruk nicht. Sie sollte ihren Vater besser kennen.

Von unten drang Gepolter, gefolgt von einer barschen Begrüßung.

„Wo ist der Kerl?“, donnerte eine Stimme.

„Er ist geflohen“, entgegnete Neyla hastig.

Das ist also ihr Trick. Sie belog jene, vor denen ihr Vater sie schützen wollte. Er konnte nicht die Wahrheit sagen, ohne sie zu verraten. Schlau. Neyla gefiel ihm immer mehr. Er hoffte nur, dass ihre Lüge kein böses Nachspiel für sie hatte.

„Geflohen?“, hakte einer der Wächter nach. „Wohin?“

„Ich weiß es nicht. Zu dieser späten Stunde wollte ich ihm nicht folgen und mein Vater könnte nicht Schritt halten.“

Der Mann bellte Befehle, die Stadt zu durchsuchen. Fiel er tatsächlich auf Neylas Worte herein? Dann rief er zwei Namen und sagte: „Durchsucht das Haus! Für den Fall, dass uns die kleine Baturell Unsinn erzählt hat.“

Wäre auch überraschend gewesen, dachte Koruk. Er schloss die Augen und begann in Gedanken zu zählen. Als er bei zwölf war, rissen sie die Schranktür auf.

Einer der Männer richtete sich an Neyla, die ihnen mit dem Licht in der Hand gefolgt war. „Jetzt ist dein Auftritt für eine herzzerreißende Beteuerung, dass du nichts davon wusstest, Mädchen.“

Neyla brachte keinen Ton heraus.

„Was denn? Kein Gebettel unter Tränen? Nicht einmal ein wenig Gejammer?“, höhnte der Kerl. „Wie schade. Ich hatte mich schon auf eine unterhaltsame Vorstellung gefreut.“

„Der Stadtherr wird von deinem Vergehen erfahren“, fuhr der andere Mann fort.

„Ich weiß“, entgegnete sie mit dünner Stimme.

Koruk betrachtete die Männer, die sich wie Schatten vor dem Licht in Neylas Händen abzeichneten. Sie hatten ihre Schwerter gezogen. „Komm da raus!“, wies ihn einer der beiden an.

 

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